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Geschichte des Atelierhauses

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Städtisches Atelierhaus Duisburg – Baerl

Die Produktionsstätte für zeitgenössische Kunst, auf die unter anderem der Museumsführer
Ruhrgebiet hinweist, bietet neben einem Treffpunkt und Proberaum für Musik- und
Kulturgruppen, sowie regelmäßigen Ausstellungen auch ein reichhaltiges Angebot an
Kunstkursen unter anderem im Rahmen der Volkshochschule Duisburg an. 30 Jahre nun
erleben Gabriella Fekete und Sigrid Beuting als erste Bewohnerinnen und künstlerisch Tätige
hautnah und zuweilen mit Besorgnis die neuere Geschichte dieses Hauses, das heute drei
weitere Kolleginnen und Kollegen beherbergt: Alexander Voss, Marianne Ambs und Claudia
Sper. Zeit einmal Rückblick zu halten und auch zu forschen, was vor dieser Strecke lag. Viel
mehr, als dass dies vormals eine Schule war, war den meisten bei Einzug nicht bekannt.

Umso spannender entwickelten sich deshalb die Recherchen zum Haus und dem vormaligen
Dorf Baerl in den Archiven der Städte Moers und Duisburg sowie die Gespräche mit Autoren,
Zeitzeugen und Politikern. Eine besondere Fundgrube wurden darunter auch zwei ‚Baerler
Seelen’: die engagierte Kunstförderin Liselotte Lücking (gen. Lotti) und der passionierte
Historiker und Baerler-Mundart-Spezialist Georg Kreischer, dem 2011 durch den
Bundespräsidenten das Verdienstkreuz am Bande des Verdienstordens der Bundesrepublik
Deutschland verliehen wurde.



Bewegte Geschichte:
Entstehung des Ortes Baerl und seiner Schule(n) ca. 900-1898


Es „darf … angenommen werden, dass sich im Raume Baerl/Binsheim durch das
Zusammenwachsen von frühen Einzelsiedlungen etwa im Ablauf des 9. und 10. Jahrhunderts
ein Weiler herausgebildet haben könnte oder bereits eine Honschaft entstand, die sich zum
späteren Kirchdorf entwickelt hat.“ 1234 wird das bäuerlich strukturierte alte Kirchdorf
erstmals urkundlich mit dem Rittersitz der adeligen Herren von Baerl in Verbindung gebracht.
„...Immerhin verfügten die Klever Grafen bis ins 15. Jahrhundert über das Patronatsrecht der
[röm. kath.] Baerler St. Lucienkirche.”

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In Urkunden erfahren wir vom Grafen Dietrich von Mörs und den Rittern Arnoldus und
Cunradus de Barle und schließlich von Graf Hermann von Neuenahr und Moers, der ab 1560
die Reformation in der Grafschaft Moers und damit auch in dem 250 Seelen zählenden
Kirchdorf Baerl durchsetzte.

Einige Jahre zuvor war der berühmte Geograph und Kosmograph Gerhard Mercator, ein in
den spanischen Niederlanden bedrängter Protestant mit seiner Familie nach Duisburg
gezogen. Die verheerende Hochwasserkatastrophe 1565 und der Kölnische Krieg 1583
brachten der Region um Baerl eine „leidvolle Zeit“. Davon gab es so manche im späteren
Verlauf, worunter auch die Eroberung der Stadt Moers und des umliegenden Landes durch
die Spanier 3 Jahre später zählte. Vor Raub, Vergewaltigung und Brandschatzung flohen
viele Einwohner „offener und ungeschützter Dörfer wie auch Baerl in die Wälder und nahe
liegenden Städte.“

Nach einer weiteren verheerenden Rheinüberschwemmung 1595 brannten kroatische
Soldaten während des Dreißigjährigen Krieges gegen 1625 bei einer Plünderung in Baerl
auch das Pfarrhaus nieder, in dem vermutlich der erste Schulunterricht des Dorfes stattfand.

Auch von der Pestseuche 1622/23 wird Baerl nicht verschont geblieben sein. 1672
plünderten französische Truppen unter König Ludwig XIV das Dorf Baerl, wonach eine Weile
holländische Truppen verweilten, bis 1713 die Grafschaft unter Friedrich Wilhelm I., dem
sogenannten ‚Soldatenkönig’, zum preußischen Fürstentum erhoben wurde. Dieser führte
1717 die Schulpflicht ein, die theoretisch auch die Schüler der Baerler Pfarrschule betraf,
praktisch aber auf dem flachen Land kaum eine Veränderung brachte.

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1756 löste Friedrich II., der ‚Große’ den Siebenjährigen Krieg aus, in dessen Verlauf wieder
französische Truppen die ehemalige Grafschaft einnahmen und erst zum Ende des Krieges
wieder freigaben. 1784 gab es wieder einmal Deichbrüche, die „ mit unvorstellbaren Wasser-
und Eismassen“ Häuser abtrieben und das damalige Schulhaus unter Wasser setzten. Im
Kriegsgeschehen in der Folge der Französischen Revolution sah sich Baerl erneut
Kontributionsforderungen und Geiselnahme durch die Franzosen ausgesetzt, die erst 1795
durch den Baseler Friedensschluss ein Ende fanden, allerdings den Franzosen „in den
linksrheinischen preußischen Gebieten Hoheitsrechte einräumte“.

Mit dem Friedensschluss von Lunéville 1801 lag Baerl endgültig im nun napoleonischen
Frankreich. Wehrfähige Baerler versuchten sich der französischen Wehrpflicht durch Flucht
zu entziehen. Obwohl 1815 Preußen wieder die Herrschaft übernahm, blieben dem linken
Niederrhein bis heute einige Reste der fortschrittlichen Reformen erhalten ( Code Civil ect.).
Die Jahre 1816/17 führten zu enormen Teuerungen und auch zu einer Hungersnot in Baerl.

1845 wurde schließlich das erste eigenständige Schulgebäude (zweiklassig) auf dem Dudel
in Baerl gebaut, nachdem die bisherige Schulstube im Baerler Küsterhaus schon eine Weile
zu beengt geworden war. Überschwemmungen im Winter und Hungersnot aufgrund einer
„Kartoffelseuche“ machten den Baerlern in den folgenden Jahren erneut das Leben schwer.
„Mit der Gründung des Laarer Hüttenwerkes...1853 boten sich für viele Baerler erstmals
einträgliche und saisonunabhängige Arbeitsplätze...“. Einige Jahrzehnte danach noch währte
die Blütezeit der „Samtweberei“ in Baerl und ließ die Einwohnerzahl auf 1548 Köpfe im Jahr
1880 anwachsen.



Bewegte Geschichte:
Volkschule und Grundschule Baerl 1898 -1980


Nach mehrjähriger Planung wurde 1898 an der heutigen Schulstraße schließlich der Neubau
der Baerler Evangelischen Volkschule errichtet und am 3. Januar 1899 eingeweiht. Sie
„…bestand zunächst nur aus dem parallel zur Schulstraße liegenden Gebäudeteil, in
welchem sich unten zwei Klassenräume und oben zwei Lehrerwohnungen befanden.


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Bereits im Sommer 1903 sah man sich aufgrund steigender Schülerzahlen veranlasst
rechtwinklig zum vorderen Gebäudeteil in Richtung auf die damalige Abortanlage zu zwei
weitere Klassenräume anzubauen.“ Ab 1905 vierklassig, erhielt die Baerler Schule ...“durch
Umbau der Lehrerwohnungen in der Etage zwei weitere Klassenräume und wurde ab April
1910 sechsklassig geführt“. In diesem Jahr verfügte die Regierung den Zusammenschluss
der Bürgermeistereien Repelen und Baerl, während die Einrichtung einer Straßenbahnlinie
eine verbesserte Anbindung an Homberg erbrachte.


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Enorm dezimiert wurde die Gemeinde durch Einberufung Wehrpflichtiger im Ersten
Weltkrieg 1914-18. Der Niederlage folgte eine belgische Besatzungszeit (bis 1926), wonach
Geldentwertung, Deichbruch, Überschwemmung und 1929 der Zusammenbruch der
Wirtschaft mit 5 Millionen Arbeitslosen auch Baerl nicht schadlos hielt.

1930/31 gehörte zu den Besonderheiten der Baerler Volkschule „…die Anlage eines
Schulgartens [in dem die Schüler eigene Pflanzungen erproben konnten]...sowie der
nachfolgende Bau eines Schulbienenhauses“[!], das den Schülern praxisbezogenen
Unterricht ermöglichte.


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1933 erhofften sich die Repelener-Baerler Bürger eine Verbesserung ihrer wirtschaftlichen
Lage, doch stattdessen ernteten sie letztendlich von 1939 bis 1945 Krieg und Niederlage
verbunden mit Entbehrungen noch über diesen Zeitraum hinaus. Nachdem die Briten in ihrer
Besatzungszone 1946 die preußischen Strukturen auflösten, wurde Baerl zur Region
Nordrhein-Westfalen gerechnet. Immer noch vom Krieg gezeichnet, erlebte der Ort 1949 die
Geburt der Bundesrepublik Deutschland.

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Erst 1950 konnte nach teilweiser Zerstörung im Krieg und einer Phase des Wiederaufbaus
wieder der erste Unterricht in der Baerler Volksschule an der Schulstraße stattfinden. 1968
wurde sie im Rahmen der Neuordnung des Schulsystems in eine Grundschule umgewandelt.
So hat jede/r in Baerl Aufgewachsene letztlich hier seine/ihre ersten Schritte ins Schulleben
gewagt und damit das Fundament für das spätere Berufsleben gelegt.

1975 nahm, so sehen es auch heute noch viele Baerler Bürger, die Kommunale Neuordnung
„das Dorf...aus seinen traditionell gewachsenen Bindungen“ und gliederte es in die Großstadt
Duisburg ein. Die Einwohnerzahl stieg und damit auch die Anzahl der Schulkinder. Deshalb
wurde fünf Jahre später die neue Evangelische Grundschule Baerl in der Waldstraße erbaut
und bezogen.

Das alte Schulgebäude blieb leer zurück, mittlerweile gezeichnet durch Bergschäden, die der
Bergbau durch Kohleabbau in 400 m Tiefe verursacht hatte und schien dem Ende geweiht.




Bewegte Geschichte:
Ein Haus für Künstler/innen und Bürger/Innen 1981 – 2012


Ursprünglich dem Abriss geweiht, entwickelt der Kulturbeigeordnete der Stadt Duisburg, Dr.
Konrad Schilling quasi im Alleingang 1981 ein neues Nutzungskonzept für das
geschichtsträchtige Gebäude. Er schlägt 5 jungen Künstlerinnen und Künstlern vor bei einer
Begehung der ehemaligen Klassenräume mit Mitarbeitern des Kulturamtes und
Hochbauamtes der Stadt am 4.4.1981 zu prüfen, ob diese für sie als Ateliers in Frage
kommen könnten. Die Aussicht im diesem Haus mit hohen hellen Räumen langfristig
günstige Arbeitsräume zur Verfügung gestellt zu bekommen löst Vorfreude aus.

Dr. Schillings Konzept sieht vor, neben der Einrichtung von Ateliers in den ehemaligen
Klassenräumen auch einen großen Raum in einen Bürgerraum zu überführen, d.h. eine
kulturelle Begegnungsstätte zu schaffen für Baerler Gruppen, Vereine, sowie
Veranstaltungen und Bildungsangebote. Nach der Zusage von Klaus Kiel, Gabriella Fekete
und Sigrid Beuting am 29.4.1981 im Büro Dr. Schilling bittet er sie ihre bisherigen Wohn- und
Arbeitsstätten zu kündigen und sobald wie möglich einzuziehen, da bei einem leer
stehenden Gebäude wie diesem womöglich mit Hausbesetzern zu rechnen sei. Am nächsten
Tag schon erhalten alle ihre Schlüssel und eigene sowie zugesagte Renovierungsarbeiten
durch das Hochbauamt beginnen. Außerdem stabilisiert der Bergbau die durch ihn
verursachten Bergverschiebungen und Risse im Gemäuer des alten Schulgebäudes.

Anfang Juli 1981 leben und arbeiten die drei Künstler/innen bereits nichts ahnend im
‚Atelierhaus Baerl’ als der Stadtdirektor sie unvermittelt in seinem Schreiben vom 16.7.1981

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an eben diese Adresse (!) auffordert die zugedachten Räume „...nicht [zu] beziehen“, da
„...die Bezirksvertretung Homberg...den Vorschlägen der Verwaltung...zunächst nicht gefolgt“
sei. Im September gäbe es eine neue Beratung. Diese überraschende Nachricht entzieht den
Bewohnern erst einmal ‚den Boden unter den Füßen’, bedroht sie sie doch in den folgenden
Monaten nicht nur mit Obdachlosigkeit sondern auch künstlerisch/finanziell, da sich
verständlicherweise unter diesen Bedingungen gar nicht oder nur erschwert kreativ arbeiten
lässt.


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Freie Kunst, die sich nicht der Mode unterwirft, unabhängig von Sponsoren arbeitet und keine
Gebrauchsgegenstände herstellt, hat es von je her schwer sich gesellschaftlich und finanziell
zu behaupten. Meist reichen die Einkünfte gerade, um die eigene Existenz zu bestreiten.
Nichtsdestoweniger sind gerade diese ‚Kreativ-Schmieden’ die Quellen für das Entdecken
und Bewusstwerden neuer Wege, Erfindungen und Innovationen einer Gesellschaft, die
kaum in Geldwert widergespiegelt werden können.

Erst am 23.12.1981 hat die ‚Zitterpartie’ endgültig ein Ende, als die Künstler/innen schließlich
ihre ersten Nutzungsverträge erhalten, die zwischenzeitlich durch die politischen Gremien
legitimiert wurden. In diesen will die Stadt Duisburg „mit der Zurverfügungstellung von
Ateliers und Wohnungen die Arbeit von Künstlern fördern und deren Kreativität der
Bevölkerung zugute kommen lassen“.(Vertragstext vom 23.12.1981) Für die Ateliers wird
keine Miete erhoben, allerdings gehört zur Idee, dass sich das Haus möglichst selbst tragen
soll die anteilige Übernahme der Heizkosten des Gebäudes durch die Künstler/innen und der
Verzicht auf einen bislang dort tätigen Hausmeister, dessen Hausbetreuerdienste nun von
den Bewohnern übernommen werden sollen. Zumindest einmal im Jahr soll am „Tag der
offenen Tür“ der Bevölkerung Zugang zu den privaten Ateliers der Künstler/innen gestattet
werden, um sie so am künstlerischen Entwicklungsprozess teilhaben zu lassen. Ferner
fordert der Vertrag:“ Wenn möglich sollen Weiterbildungskurse im Bereich Kunst angeboten
werden“.

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Angesichts des recht unruhigen ersten Jahres wird das Atelierhaus Baerl erst am 6.11.1982
im Rahmen des ‚Tages der offenen Tür’ offiziell eingeweiht. Neben dem Kulturbeigeordneten
und Vertretern der Politik und Verbände stellen einhundertzwanzig Baerler die „Paten“, wie
die NRZ zwei Tage später schreibt, „Kulturfluß zwischen den Stadtteilen“ titelt die Rheinische
Post.

Die Kontroverse in der politischen Auseinandersetzung scheint beigelegt, das Haus einer
neuen konstruktiven Bestimmung übergeben, doch sind die ersten Jahre geprägt durch
Vorbehalte mit denen die neuen Bewohner/innen kämpfen müssen. Alteingesessene Baerler
tragen schwer an der 1975 von ihnen empfundenen „Vereinnahmung“ durch die Stadt
Duisburg und machen gelegentlich ihrem Ärger Luft angesichts der neuerlichen „Entwendung
ihres traditionsreichen Schulgebäudes“. Das erfahren auch die jungen neu hinzugezogenen
Keramikstudentinnen Judith Amann und Ulrike Gerritzen, die sich ab 1982 für zwei Jahre ein
Atelier im Haus teilen. Spannungen unter den im Haus teils lebenden, teils nur arbeitenden
Künstlern begleitet durch bedrohliches Knacken im Gebälk (erneute Bergsenkungen) und die
vorerst nur zögerliche Annahme von Kunstkursen durch die Bevölkerung gestalten die ersten
Jahre recht schwierig. Anfänglich vermögen daran auch die jährlich stattfindenden Tage der
offenen Tür nur wenig zu ändern. Viel zu früh stirbt 1984 der gerade 2 Jahre im Hause
arbeitende Zeichner Hans Joachim Schäfer.

Zu Beginn der 80er Jahre haben zudem weitere Initiativen des rührigen Kulturpolitikers Dr.
Konrad Schilling Auswirkung auf die Bedeutung des Hauses. So schickt er Sigrid Beuting mit
einer kleinen Delegation im Rahmen des Künstleraustausches der Stadt Duisburg mit dem
Künstlerverband der UDSSR quasi als ‚Kulturbotschafter’ in dieses Land, was zur Folge hat,
dass im Gegenzug in den nächsten Jahren auch etliche sowjetische Delegationen das
Atelierhaus Baerl kennenlernen.

Einmal entstandene persönliche Kontakte zu Künstlerkollegen und -kolleginnen führen zu
weiteren Besuchen bis in die Zeit über das Ende der kommunistischen Sowjetunion und den
Beginn der Demokratisierung unter Gorbatschow hinaus.


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Mit dem Aufbau von Kunstkursen im Rahmen der Volkshochschule Duisburg zuerst durch
Klaus Kiel und ab 1986 durch Sigrid Beuting sowie der Buchung des Bürgerraums durch
lokale Gruppen scheint sich allmählich eine gewisse Akzeptanz im Umfeld zu entwickeln. So
spricht der bekanntermaßen der Kunst verbundene damalige Oberbürgermeister Josef
Krings 1989 im ersten Katalog des Hauses seinen Wunsch aus, „dass die Künstler- und
Atelierhäuser insgesamt in der Bevölkerung eine noch breitere Resonanz fänden und der
Dialog mit den Künstlern somit intensiviert werden könnte“. Christa Schmitz als
Bezirksvertreterin und Dirk Lachmann als Mitglied des Kulturausschusses im Rat ergänzen
daselbst: „Es wäre wünschenswert, wenn der öffentliche kulturelle Stellenwert, den das
Künstlerhaus in Baerl längst besitzt, durch die Begegnung und Auseinandersetzung der
Bürger mit der Kreativität...seiner Bewohner...ergänzt würde.“

1987 stirbt nach einem tragischen Unfall der erst 36 jährige Objektgestalter und Zeichner
Dieter Pirdzun. Wenige Tage bevor das Haus Nachwuchs in Form einer kleinen
Erdenbürgerin bekommt, die als Tochter der Künstlerin Sigrid Beuting das Licht der Welt
erblickt und von nun an erst einmal den Ton in ihrem Atelier angibt. Da sich der Auszug des
Kollegen Volker Hildebrandt (Malerei und Medienkunst) nach Köln und damit der Einzug in
neue Räume verzögert, muss für einige Monate ihr Atelier nicht nur als Werkstatt, sondern
gleichzeitig auch als Wohn- Schlafraum und Küche dienen. Gewickelt wird auf dem Flur bis
sie ein ehemaliges Klassen- und Kartenzimmer in einen Wohnbereich umgestalten kann. Der
bisher von ihr gepflegte ehemalige Schulgarten erhält neben dem Goldfischteich noch einen
Sandkasten und durch Kontakte zu Baerler Familien mit etwa gleichaltrigen Kindern entdeckt
nun auch ein neues Publikum zu den ‚Tagen der offenen Tür’ bislang fremdes künstlerisches
Terrain.

1990 schickt das Kulturdezernat zweieinhalb Baerler (Fekete und eineinhalb Beuting) zwecks
Künstleraustausches in Duisburgs Partnerstadt Portsmouth nach Großbritannien. Die
künstlerischen und persönlichen Kontakte, die die Duisburgerinnen dort während des
dreimonatigen Aufenthalts knüpfen, führen zu zahlreichen gegenseitigen Besuchen bis heute
und motivieren einen britischen Fernsehsender 1991, nicht nur die Künstlerinnen selbst,
sondern auch das Haus dem englischen Publikum vorzustellen.

1992 stirbt der ehemalige Lehmbruck-Stipendiat Klaus Kiel, dessen Atelier 1994 die Malerin,
Bildhauerin und Performancekünstlerin Gisela Schneider- Gehrke bezieht. Im selben Jahr
übernimmt Alexander Voß das Pirdzun - Atelier in dem er nun großformatige Arbeiten auf
Glas, Linoleum und Holz entwickeln kann.


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Anfang der 90er Jahre werden angesichts der finanziell angespannten Lage der Stadt
Duisburg und anlässlich von Zuzügen und Umzügen im Haus neue Miet- und
Nutzungsverträge entwickelt, die schließlich die zu zahlenden Wohnungsmieten an den
ortsüblichen Mietspiegel anpassen und die Nutzungsgebühr für die Ateliers zur Finanzierung
der Betriebskosten durch Umlagen auf die Künstler/innen erreichen. Gleichwohl bleiben eine
Reihe von Hausbetreuerpflichten weiterhin bestehen.

Gabriella Fekete nimmt dieTeuerung zum Anlass ihre Wohnung aufzugeben und fortan im
Atelier nicht nur zu arbeiten, sondern auch zu leben. Auch Teile ihres Lagerraums sind ihr zu
teuer geworden und fallen der Kollegin Schneider- Gehrke und der Allgemeinheit zu. Seitdem
beherbergt ein Bereich des Außengeländes ihre Arbeiten aus den letzten zwei Jahrzehnten.
Die freiwerdende Wohnung nutzt ab 1998 die Mülheimer Objektgestalterin und Fotografin
Barbara Deblitz als ihr erstes eigenes Atelier. Nach Renovierung und Übernahme der
Wohnung Kiel durch Sigrid Beuting mit Tochter 1992, zieht der Maler Wolfgang Pilz in das
vormals von ihr genutzte Wohnatelier.

1995 beherbergt das Atelier Beuting einen afrikanischen Gast aus Duisburgs Partnerstadt
Lomé, Togo. Mit Unterstützung der neuen Kulturbeigeordneten, Frau Dr. Magdowski sowie
finanzieller Hilfe des Auswärtigen Amtes kann der ehemalige Stipendiat der Heinrich-Böll-
Stiftung Bonn, Sokey Edorh, nach Duisburg fliegen und an dem von Beuting initiierten
Kunstprojekt „Afrika und Europa im Dialog“ anlässlich der „Duisburger Akzente“ teilnehmen.
Mehrere Monate nutzt er ihr Atelier für seinen Dialog- Beitrag, dessen Ergebnisse heute
unter anderem im Besitz des Wilhelm Lehmbruck Museums sind.


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Afrikanische, ungarische aber auch litauische Künstler/innen aus Vilnius, selbst Delegationen
aus dem chinesischen Wuhan statten dem Atelierhaus Baerl private und offizielle Besuche
ab.

Obwohl am Stadtrand, knapp 16 km von der Innenstadt Duisburgs gelegen, bleiben kulturelle
und politische Entwicklungen der Stadt Duisburg nicht ohne Folgen für den sich durch
Bebauung vergrößernden Ort. 1991 beschließt der Rat der Stadt die Beseitigung des bis dato
gepflegten ehemaligen Schulgartens, versieht das Gelände mit zwei riesigen Betonplatten,
um darauf Wohncontainer für 100 deutschstämmige russische Übersiedler zu schaffen. Fünf
Jahre lang, bis 1996 teilen sich nun sechs Künstler/innen und ca. 35 wechselnde Familien
den ehemaligen Schulhof. Aus dem „kulturellen Attraktionspunkt in dörflicher Idylle“, wie Dr.
Schilling am 27.9.1988 noch in der Rheinischen Post verlautbarte, ist inzwischen ein
Spannungsfeld sozialer Strukturen geworden, auf dem sich jede/r Baerler/in bewähren
muss. Beuting lädt einige Russlanddeutsche ein in ihren Portraitkursen Modell zu sitzen,
wodurch sich nicht nur persönliche Kontakte zu ihr, sondern auch solche zu den
Teilnehmer/innen der VHS ergeben.

Über Kontakte der KünstlerInnen bekommt das Haus 1999 und 2000 Besuch aus Japan,
später gefolgt von Gästen aus Südamerika. Als Gisela Schneider-Gehrke 2001 überraschend
nach kurzer schwerer Krankheit stirbt, tauchen bis heute immer wieder Gerüchte auf, die
Stadt plane das Haus abzureißen, was das Kulturbüro jedoch dementiert. Die Künstler/innen,
deren Existenzgrundlage unmittelbar mit dem Haus verbunden ist, sind zutiefst besorgt.
Beruhigend wirkt sich deshalb vorübergehend aus, dass 2003/2004 Sanierungsmaßnahmen
von der Deutschen Steinkohle und Renovierungen durch das mittlerweile zuständige
Immobilien Management Duisburg durchgeführt werden, die allerdings bis heute noch nicht
abgeschlossen sind.

Marianne Ambs, die 2003 als Malerin das Atelier Schneider-Gehrke übernimmt, erlebt
mittlerweile ein lebendiges Haus, das mit fünf vierstündigen Kunstkursen , mehrtägigen
Kunst-Workshops der Volkshochschule Duisburg und zahlreichen Musik- und Kulturgruppen
wie dem baerlorchester, einem Bläserensemble, dem Rhein- Ruhr- Ensemble, einer Saiten-
und Flötengruppe mittlerweile auf Engagement und Zuspruch durch die Bevölkerung rechnen
kann.


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Zum Einzugsgebiet der sich zunehmend etablierenden Kunst-VHS-Kurse zählt vornehmlich
Duisburg und das nahe Umfeld. Aber auch aus Oberhausen, Mülheim, Essen, Wesel
kommen Interessent/ innen, selbst ein Teilnehmer aus Sendenhorst bei Münster folgt dem
guten Ruf. Seit 2005 ergänzt ein Fitness- und Tanzkurs das Programm der VHS und seit
2007 finden an Multipler Sklerose Erkrankte im Rahmen einer therapeutischen Malgruppe
regelmäßig Freude an kreativem Gestalten im Haus.

Die Tatsache, dass 2006 bis 2007 die Wirtschaftsbetriebe den ehemaligen Schulhof als
Röhrenumschlagplatz für die Kanalsanierungen im Umkreis nutzen, führen in dieser Zeit zu
Beeinträchtigungen bezüglich der Aktivitäten und Frequentierung des Hauses, das sich stetig
wachsender Beliebtheit erfreuen kann. Als 2006 wieder einmal in der Presse diskutiert wird,
das Atelierhaus Baerl, dieses Mal zugunsten eines Supermarktes abzureißen, bildet sich eine
Bürgerinitiative engagierter Baerler und Duisburger Bürger/innen, die sich vehement für den
Erhalt des Hauses einsetzt und Alternativen zum Abriß aufzeigt. Teilnehmer/innen der Kurse
im Haus demonstrieren mit selbst gestalteten Transparenten anläßlich einer Ausstellung in
Duisburg-Rheinhausen und 2007 zum alljährlichen Baerler „Kunstcocktail“ am Lohheider
See. Schließlich bekunden 2008 alle in der Bezirksvertretung vertretenen großen Parteien
ihren Wunsch zum Erhalt des Hauses und stellen einen Antrag zur teilweisen Renovierung
mittels frei werdender Landesmittel. Doch die Stadtspitze entscheidet sich gegen dieses und
für die Unterstützung anderer Projekte.


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Nach dem Auszug von Wolfgang Pilz 2008 bleibt sein Wohnatelier nur kurze Zeit vakant bis
die Objektkünstlerin Claudia Sper dort ihr Domizil einrichtet. Gemeinsam mit Sigrid Beuting
gründet sie die erste Galerie am Ort, die „1. galerie baerl“, welche jeweils am 1. Sonntag im
Monat in Form eines „Salons“ ihre Pforten im Bürgerraum des Hauses bei freiem Eintritt für
die Öffentlichkeit öffnet. Präsentiert werden neue, interessante Positionen von
Künstlerkolleg/innen der Region. Organisation und Vernissage werden ehrenamtlich durch
die Gründerinnen angeboten, der Duisburger Kulturbeirat finanziert eine Starthilfe.

Die ausstellenden Künstler/innen erscheinen jeweils persönlich an diesem Tag, um mit
interessierten Besucher/innen zu sprechen und erhalten bei Verkäufen den gesamten Betrag.
Das Sponsoring von Künstler/in zu Künstler/in ist ungewöhnlich, verlangen doch
kommerzielle Galerist/innen zu dieser Zeit üblicherweise ca. 50 % des Verkaufspreises.
Einzigartig ist auch die intensive Auseinandersetzung der Initiatorinnen mit der Kunst der
Eingeladenen, die sich jeweils in einer oder mehreren künstlerischen Dialogarbeiten
manifestiert. Es gibt jeweils eine Einführung in das Werk der ausstellenden Künstler/innen
und gelegentlich halten Schriftsteller/innen kurze Lesungen, die sich inhaltlich mit den
gezeigten Arbeiten beschäftigen.


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Das außergewöhnliche, lebendige Konzept lockt schließlich regelmäßig um die 300
Kunstinteressierte an diesen Sonntagen zwischen 11 und 17 Uhr zu angeregten und
intensiven Auseinandersetzungen über die vorgestellten künstlerischen Positionen ins Haus.
Darunter auch 2008 erstmalig den Oberbürgermeister der Stadt Duisburg, Adolf Sauerland,
der bei dieser Gelegenheit verspricht, sich der dringend renovierungsbedürftigen Fenster der
Hofseite anzunehmen, was allerdings bis 2012, dem Ende seiner Amtszeit, noch nicht
geschehen ist.

2009 stiftet der „Mobile Hausmeister“ Abdellah El Youssfi ein rostfreies Geländer für
Gehbehinderte und die SPD Landtags - u. Bundestagsabgeordneten eine bewegliche Rampe
für Rollstuhlfahrer/innen. Die Übergabe findet am Samstag, 4. Juli 2009 durch die (zu dieser
Zeit) Duisburger SPD-Bundestagskandidatin Bärbel Bas und den Oberbürgermeister-
Kandidaten Jürgen C. Brandt statt. Damit erhält das Atelierhaus Baerl erstmalig in seiner
Geschichte einen Barriere freien Zugang.

2010 übergibt das Bezirksamt Homberg die Verwaltung des Bürgerraums an den IMD
(Immobilien Management Duisburg), dessen zu hohe Mietforderungen die zukünftige
Nutzung durch ehrenamtliche und spendenabhängige Gruppen gefährden.

Nach knapp 2 Jahren nimmt sich Claudia Sper eine Auszeit und Sigrid Beuting führt die 1.
galerie baerl bis Ende 2011 alleine weiter, um sich dann auch ihrerseits eine kurze Pause zu
gönnen. Ein Chor und eine Theatergruppe ( wie bereits 1989 die Gruppe „Wechselspiel“, die
auch Aufführungen im Haus zeigte) interessieren sich zwischenzeitlich für einen Proberaum.
Aufgrund der Galerietätigkeit, aber auch dank zahlreicher lokaler Aktivitäten und
Ausstellungstätigkeiten der Künstler/innen am Ort ( z.B. zum jährlich stattfindenden
„Kunstcocktail“ am Lohheider See oder zum ‚Baerler Herbst’ am Steinschen Hof etc.) haben
sich mittlerweile Türen geöffnet, die anfänglich verschlossen schienen.


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2011 wird das Atelierhaus Baerl zum Standort des zweiwöchigen Jugend-Kunst-Projektes
„Zeit-Zeugen“. Vom Bundesministerium im Rahmen des Projektes „Toleranz fördern –
Kompetenz stärken“ gefördert, unter der Trägerschaft des Duisburger Künstlerbundes
angeboten, ermöglicht es jungen Menschen zwischen 12 und 20 Jahren mit und ohne
Migrationshintergrund kostenfrei und gemeinsam künstlerische sowie geschichtliche
Einblicke kreativ umzusetzen. Im und um das Haus herum entstehen schöpferische
Keimzellen in den Bereichen Malerei, Zeichnung, Skulptur, Foto, Video, Text und
Installation. Die Besucher/innen der abschließenden Ausstellung und Videoperformance sind
begeistert über die unerwartet guten Ergebnisse, die die Jugendlichen nun mit hinaus in die
Welt nehmen.


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Heute, 2012, zeigt sich das Atelierhaus Baerl einmal mehr als das, was es damals sein sollte:
Eine kreative Produktionsstätte von Künstler/innen und darüber hinaus zahlreicher
Teilnehmer/innen der Kunstkurse und Kulturprojekte sowie eine Bildungs- und
Begegnungsstätte für kulturinteressierte Bürger/innen. Nebenbei bemerkt die einzige
städtische in diesem Stadtteil.

Zahlreiche internationale und überregionale Ausstellungen der Künstler/innen des Hauses
verknüpfen darüber hinaus Baerl und Duisburg mit der Welt und tragen ihren Teil dazu bei,
den Image- und Strukturwandel vom Stahl-Industriestandort zur attraktiven
Handelsmetropole zu gestalten.

Deshalb wäre es wünschenswert, wenn die großflächigen Beton-Überreste aus der Zeit der
Übergangsheime für Übersiedler/innen sowie der Kanalsanierungen durch die
Wirtschaftsbetriebe endlich entfernt und die 2003 begonnene, von der DSK finanzierte
Renovierung fortgesetzt würde, so dass das geschichtsträchtige Gebäude in seiner Funktion
als Künstler- und Bürgerhaus zum Jubiläum 2012 in neuem Glanz erstrahlen könnte!

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Denn am 6.11.2012 wird sich zum 30sten Male die Eröffnung des Atelierhauses Baerl als
Kunst, Kultur-und Begegnungsstätte jähren.

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